Das Leben im Randbezirk Mariendorf – Spießer statt Hipster

In Berlin Mariendorf sagen sich schon mal ganz gerne Hund und Hase gute Nacht.
Berlin Mariendorf ist so aufregend, dass wir kein seichtes Gemüt mit überladenen Bildern schockieren wollten. Daher dieses herzerwärmende Hundebild. ©Jasmina Luchs für hauptstadtkultur.de

Wir, also wir Berliner, bleiben ja gerne unter uns und treiben uns überwiegend im eigenen Bezirk herum. Jeder hat seinen Kiez, seinen Block, sein Millieu. Das ergibt wie überall auf der Welt die entsprechenden Gesellschaftssichten mit den dazugehörigen Sitten und Gepflogenheiten. Das nervt schon mal von Zeit zu Zeit. Daher empfiehlt es sich, die vertrauten Wege hin und wieder zu verlassen.

Ein ganz anderes Berlin kann man zum Beispiel im Stadtteil Mariendorf erleben. Wer aus einer anderen Stadt nach Berlin zieht, erwartet trubeliges, buntes Leben, will mittendrin statt nur dabei sein, will den Flair der Hauptstadt hautnah erleben – also geht es in die Szene-Bezirke Friedrichshain, Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Mitte. So zumindest die Sichtweise vieler meiner Freunde, die zumeist aus kleinen Orten stammen. Umso unverständlicher für sie, dass ich mich – bewusst und gerne – für den Randbezirk entschieden habe. Mein Kiez heißt Mariendorf und ist der allgemeinen Meinung meines Umfeldes nach jwd (janz weit draußen).

Wo Specht und Eichhörnchen sich gute Nacht sagen

Berlin Mariendorf ist ein idyllischer Stadtteil von Berlin.
Berlin Mariendorf: Strassengangs, Trunkenbolde, Nutten, Koks und Alkohol sucht man hier vergebens. Wer länger als 30 Sekunden dieses idyllische Bild betrachtet, wird automatisch müde…^^ ©Jasmina Luchs für hauptstadtkultur.de

Sicher, wenn ich nach Mitte oder Wedding (da wohnt mein Büro) möchte, bin ich lange unterwegs. Je nach Verkehr kann es schon mal eine Stunde dauern, bis ich am Zielort eintreffe. Dafür erwartet mich zurück am Allerwertesten der Welt wunderbare Ruhe. Touristen, betrunkene Feierwütige oder Menschenmassen sucht man in meiner hübschen Siedlung aus Einfamilien- und kleinen Mehrfamilienhäusern vergebens. Stattdessen begrüßen mich Vogelgezwitscher, klopfende Spechte und auf die zahlreich vorhandenen Bäume huschende Eichhörnchen. Hier am Rande der Stadt haben nicht die Hipster das Zepter in der Hand, sondern die Spießer – und das ist auch gut so. Alteingesessene Berliner, Familien und Hundebesitzer pflegen ihre Vorgärten und spazieren die Straßen entlang. Man kennt sich, grüßt sich, unterhält sich. Hier ist die Welt noch in Ordnung.

Entertainment für das Spießertum

Auf das nötige Entertainment muss trotzdem nicht verzichtet werden, denn nur ein paar Schritte entfernt gibt es alles, was das Herz begehrt: Bars, Kneipen, Restaurants. Gut, stylische Trendclubs sorgen hier nicht für die Samstagabend-Bespaßung, aber als Spießer möchte man in selbigen ohnehin nicht seine Zeit verbringen. Viel lieber trifft man sich zum Beispiel im „Cancun“ auf dem Mariendorfer Damm. Das mexikanische Restaurant mit ellenlanger Cocktail-Karte ist ein wahrer Hot Spot im Bezirk – vor allem am Wochenende ist es rappelvoll und man fragt sich als geneigter Mariendorfer, wo denn bloß all diese Menschen plötzlich herkommen. Erwähnenswert ist auch das „Mundo“, ein hochgelobter Spanier, direkt am U-Bahnhof Alt-Mariendorf. Auf dem Weg dorthin ein Zeugnis schwarzen Humors: Direkt neben einem Bestattungsinstitut lädt die kleine Kneipe „Zum Sargnagel“ zu Bier und Dart ein. Prost!

Den Mauerweg entlang

Am Mauerweg am Schichauweg in Berlin Mariendorf.
Am Schichauweg, dem heutigen Mauerweg entlang. Bewirtschaftete Felder und wilde Natur machen nicht nur Hunden Spaß, sondern sind auch für den Menschen ein schönes, weitläufiges Spaziergangsareal. ©Jasmina Luchs für hauptstadtkultur.de

Mariendorf gehört zum alten Bezirk Tempelhof-Schöneberg, der einst von den Tempelrittern aus der Taufe gehoben wurde und von Marienfelde und Lichtenrade flankiert wird. An der südlichen Stadtgrenze zwischen diesen beiden Stadtteilen kann man sogar auf historischen Spuren wandeln: Als großes Hundeauslaufgebiet läuft der Schichauweg am ehemaligen Mauerweg entlang. Bewirtschaftete Felder und wilde Natur machen nicht nur Hunden Spaß, sondern sind auch für den Menschen ein schönes, weitläufiges Spaziergangsareal. Und dort wie auch an vielen anderen Stellen in Mariendorf und Umgebung gibt es etwas, das in Berlin sonst der Nadel im Heuhaufen gleicht: zahlreiche, kostenlose Parkplätze.

Unternehmen mit Tradition

Berlin Mariendorf: Das "Daimler Werk"
Das Mercedes-Benz Werk kann auf eine lange Historie zurückblicken. ©Jasmina Luchs für hauptstadtkultur.de

Trotz vorherrschender heiler Welt, ist auch die Mariendorfer Industrie nicht zu verachten. Daimler-Benz unterhält in der gleichnamigen Daimlerstraße ein beachtliches Werk und auch das Traditionsunternehmen Klosterfrau ist im Bezirk ansässig. Start-ups verirren sich eher nicht hierher, es sind Firmen mit Geschichte, Familienunternehmen und große Handwerksbetriebe, die sich im Berliner Süden heimisch fühlen. Spießer statt Hipster eben. Ob jwd oder nicht: Mariendorf und die angrenzenden Bezirke bieten Abwechslung und Lebensqualität abseits der Szene. Wer keine Hipster und Touristen mehr sehen kann, ist hier genau richtig.

Mariendorf iss uff Trab

Pferdesport und verwegene Spielernaturen - eine interessante Szenerie auf der Trabrennbahn Berlin Mariendorf.
Zieleinlauf auf der Trabrennbahn Berlin Mariendorf – jetzt wird’s spannend! ©Marius Schwarz (CC Lizenz)

Ja, hier isset schee! Aber was ist Mariendorf ohne Trabrennbahn – an einem Sonntag. So richtig aufgedonnert mit Fascinatores und so. Man kommt aus dem Beobachten gar nicht mehr heraus. Hier sind die 60er, die 80er und die 90er so lebendig, dass man sich gleich viel jünger fühlt – so vieles ist hier vertraut.

Auch wer nicht versteht, wie das Renn- und Wettsystem funktioniert, kommt hier auf seine Kosten – die Kuchen- und Sektbeschaffung klappt perfekt. So gut verpflegt wird alles sofort viel leichter. Hotte-Hüs und verwegene Spielernaturen – eine interessante Szenerie. Einfach ein sympatisches Pferd bei der Parade aussuchen, nen Fünfer auf Sieg oder Platz setzen und dann vom Beobachtungsposten aus lauthals anfeuern. Danach dann wieder n Sekt… (U6 bis Alt-Mariendorf, 2 Stationen mit M76, Richtung Lichtenrade)

Autor: Jasmina Luchs

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