Tourismus: Der Besucheransturm auf Berlin und insbesondere auf den Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg bricht alle Besucherrekorde.

Knapp 1,5 Millionen Hotelgäste kommen jedes Jahr nach Friedrichshain-Kreuzberg. Und die Zahlen steigen Jahr für Jahr weiter an. Ist der Tourismus nun Fluch oder Segen? Wie weit geht die Toleranz derer, die in den Kiezen mit steigenden Mieten, Ferienwohnungen in Mietshäusern und dem Macht- und Interessenspoker um den Milieuschutz leben müssen?

Die Oberbaumbrücke verbindet Friedrichshain und Kreuzberg
Blick auf die Oberbaumbrücke, welche die Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg miteinander verbindet. Von 1961-1989 markierte sie die Grenze zwischen Ost-Berlin und West-Berlin.

Die Zahl der Übernachtungen in der deutschen Hauptstadt wuchs somit auf 3.140.570. Deutlicher wird der Trend sogar, wenn man sich die Zahlen der Gäste aus dem Ausland ansieht, denn allein im Dezember checkten 35.741 von ihnen in die unzähligen Hotels und Hostels des sehr beliebten Stadtbezirkes ein. Allein das ist ein Zuwachs von mehr als 36% im Vergleich zum Vorjahresmonat. Die gebuchten Hotelnächte wuchsen um mehr als 32% auf 95.390 (Quelle: Statistisches Landesamt). Das statistische Landesamt erfasst hierbei die Angaben von Hotels, Hostels und Herbergen mit mehr als 10 Betten. Achtung: Ferienwohnungen, kleine Pensionen und private Unterkünfte sind hiervon unberührt.

Das Leben auf und in den Strassen.

Ganze Kieze uund Quartiere werden für Immobilieninvestoren abgerissen.
Klotzen statt Kleckern: Die Maxime eines jeden Immobilieninvestors, wenn die Spekulation auf weiterhin steigende Immobilienpreise hohe Rendite verspricht und die soziale Struktur eines ganzen Stadtteils einfach abgerissen wird. Bild: minimalgold

Geht man nach den absoluten Zahlen, liegt der Tourismus in Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf vorne – hier buchten knapp 4,5 Millionen Besucher ein Zimmer im letzten Jahr. In ganz Berlin waren es knapp 11 Millionen. Die Stärken Berlins und der Grad der Attraktivität lässt sich hier in Friedrichshain-Kreuzberg am besten ablesen. Das sieht auch die landeseigene Tourismus – Marketing – Gesellschaft “visitBerlin” so, die die Zahlen hierzu kürzlich vorstellte. Besonders im Sommer kommen die Massen an Besucher in den Bezirk, um das berühmte Berliner Nachtleben auf den Straßen und Plätzen des Bezirkes zu genießen – zur Freude der Touristen, zum Ärger der Einwohner.

Wer in den ‚heißen Kiezen’ wohnt, soweit man dies aufgrund stetig steigender Mieten überhaupt noch sagen kann, muss starke Nerven haben, denn die Besucherströme ziehen sich wie Ameisen-Autobahnen bis morgens um 6 Uhr durch die Straßen. Schlafen bei offenem Fenster wird hier zur Herausforderung, was durch die teils sehr temperamentvollen Sanges-Chöre vor allem englischer, spanischer und italienischer Touristengruppen gar unmöglich wird.

Berlin: Den guten Ruf wahren.

Jede Lücke wird in Berlin genutzt, um neue Wohnhäuser zu errichten.
Wo man auch geht und steht: Überall werden diese häßlichen Klötze zu überteuerten Immobilienpreisen hingeknallt. Stadtplanerische Logik sieht anders aus. Bild: minimalgld

Im Ausland ist Berlin derzeit beliebt wie nie, das zeigen Mention-Statistiken der Tourismus – Verbände weltweit. Wer Berlin bucht, sieht sich einem Urlaub auf dem ‚Abenteuerspielplatz’ entgegen. Man weiß eben um das exorbitant reichhaltige Kultur- und Gastronomieangebot zwischen Frankfurter Allee und Kottbusser Tor. Immerhin zwei von drei Berlin-Besuchern sind Wiederholungstäter und wer eben öfter als einmal kommt, möchte mehr als nur die gängigen Touristen-Highlights im Stadtzentrum sehen und erleben.

Die Entzerrung der Besucherströme hat natürlich noch einen weiteren, elementaren Vorteil: die Wirtschaftskraft. Mehr als 50.000 Menschen arbeiten berlinweit direkt im Tourismus, indirekt sind es sogar knapp 275.000 Menschen. Auch die Hoteliers erfreut der stetige Aufwärtstrend. Neben dem ‚Erlebnisfaktor’ bietet gerade Friedrichshain-Kreuzberg für Touristen einen finanziellen Vorteil, denn das Preisniveau ist im Vergleich zu Mitte oder der City-West rund um den Kurfürstendamm spürbar günstiger – ein eindeutiger Standortvorteil. So können Hotels und Herbergen gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von 20% bei den Übernachtungen verzeichnen.

Die Kehrseite des Tourismus: Berlin-Kieze werden durch Ferienwohnungen entmietet.

Luxussanierung im ehemaligen Arbeiterkiez - der Anfang vom Ende des sozialen Zusammenhalts eines Stadtteils
Selbst ein immer schlechter werdender Ruf der Krawall-Meile Revaler Strasse im Friedrichshain mit seinen dauerhaften Polizeieinsätzen, offenem Drogenhandel auf der Strasse und der nächtlichen Gratis-Beschallung durch Clubs und Kneipen ist kein Hinderungsgrund mehr, Berliner Altbauten in Eigentumswohnungen umzuwandeln. Sozialstruktur adé. Bild: minimalgold

Dass Ferienwohnungen bei der Erhebung der Statistiken durch den berühmten Rost fallen, dürfte insbesondere Gegnern jeglicher weiterer Kommerzialisierung im Szene-Bezirk in die Hände spielen. Viele, ja sogar verdammt viele Menschen fragen sich mittlerweile, inwiefern die Zahlen vom Statistischen Landesamt den wahren Besucheransturm erfassen. Es ist ein schleichender Prozess, der aber mittlerweile die berühmte Schwelle übertreten hat: Die ‚Entmietung’ beliebter Wohnkieze durch übermäßige Sanierungsmaßnahmen, die meist unverschämte Mietsteigerungen zur Folge haben. Nur leider bedenkt niemand hierbei, dass die Wohnkultur auf einem bestimmten Einkommensniveau einer Region bzw. einer Stadt beruht. Und gerade hier ist Berlin bekanntlich ‚billig’. Nirgends sonst in Deutschland ist das Lohnniveau so niedrig wie hier – aber gleichzeitig ist auch die Mietensteigerung nirgends so hoch wie hier. Im Jahre 2012 betrug sie für Berlin rund 15%. Wer soll das auf Dauer bezahlen können?

Millieuschutz in Berlin – der zahnlose Tiger.

Die Umnutzung von Wohnraum hat mittlerweile auch das Bezirksamt auf den Plan gerufen. Es wurde hierzu ein Beschluss gefasst, der neben dem Boxhagener Kiez noch weitere fünf Gebiete unter Milieuschutz stellt, um die zunehmende Verknappung und somit auch Verteuerung von Mietwohnungen aufzuhalten (Erhalt der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung nach § 172 Abs. 1 Nr. 2 BauGB). Ob dieser wichtige wohnungspolitische Baustein aber auch wirklich positive Auswirkungen im Interesse von Mieter/innen entfaltet, darf ernsthaft bezweifelt werden. Der Milieuschutz verfehlt seine Ziele, den Folgen baulicher Aufwertung und der Verdrängung der Gebietsbevölkerung entgegenzuwirken sowie große Mietpreissteigerungen zu verhindern. Die Bezirksämter jedoch sind unterbesetzt, sodass sie auf Meldungen von Mieter/innen zu möglicherweise nicht genehmigten Modernisierungen angewiesen sind. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass mit einem Urteil des Oberwaltungsgerichts (OVG) von 2004 der Milieuschutz weitgehend außer Kraft gesetzt wurde.

Seitdem haben Vermieter einen Anspruch auf eine auflagenfreie Genehmigung von Modernisierungsmaßnahmen. Das Gericht stützte die Entscheidung auf einen Passus im 1998 novellierten Baugesetzbuch, wonach in Milieuschutzgebieten Baumaßnahmen grundsätzlich genehmigt werden müssen, wenn dadurch der “zeitgemäße Ausstattungszustand einer durchschnittlichen Wohnung” hergestellt wird. Mit dem OVG-Urteil verloren auch Mietobergrenzen ihre bindende Wirkung. Die Folge für die Mieter/innen: Wie in anderen Gebieten der Stadt können die Modernisierungskosten auf den Mietpreis umgelegt werden. Milieuschutzgebiete existieren nach der “Entlassung” der Schillerpromenade (Neukölln), dem Stephan-Kiez (Tiergarten), der Friedrich-Wilhelm-Stadt (Mitte) und dem Klausener Platz (Charlottenburg) derzeit noch in Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow.

Milieuschutz in Berlin: Pankow.
Quelle: Bezirksamt Pankow, Stadtentwicklungsamt.
Milieuschutz in Berlin: Friedrichshain-Kreuzberg
Quelle: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, Amt für Stadtplanung, Vermessung und Bauaufsicht.
Quelle: Stadtforschungsinstitut Topos
Quelle: Stadtforschungsinstitut Topos
Ob Sie in einem Milieuschutzgebiet wohnen oder nicht, können Sie mittels des auf den Websites der Bezirksämter zur Verfügung gestellten Informationsmaterials feststellen. Zudem ist eine Gesamtübersicht aller Milieuschutzgebiete bei der FIS Broker Geodatenbank unter www.stadtentwicklung.berlin.de/geoinformation/fis-broker online verfügbar.

Fazit – Die Berlin-Politik muss handeln.

Zumindest konnten sich nun SPD und CDU auf einen Kompromiss im Kampf gegen die Zweckentfremdung von Wohnungen als Ferienwohnungen einigen. Somit besteht zumindest die Chance, auf dem Berliner Mietmarkt etwas Bewegung hineinzubringen.

Ein Gesetzesentwurf von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) wurde an die Koalitionsfraktionen weitergeleitet, die dazu nun ergänzende Vorschläge entwickeln muss. Das Ziel ist klar: Schluss mit der Zweckentfremdung von Wohnraum – nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft: Es muss ein Instrument her, was auch gegen bestehende und missbräuchlich genutzte Wohnungen zum Einsatz kommen kann. Die ‚Meldepflicht für Ferienwohnungen’ soll nun eine Lösung des Problems werden. Mit der Meldung beginne ein vierjähriger Bestandsschutz für die Ferienwohnung. Danach jedoch müsse das Objekt wieder als Mietwohnung angeboten werden.

Für die zweckfremde Nutzung von Wohnraum sollen aber auch hier Ausnahmeregelungen gelten. So sollen auch weiterhin beispielsweise Tagesmütter, Kitas, Ärzte oder Existenzgründer, die ihre Wohnung für berufliche Zwecke nutzen, dies auch weiterhin tun können, denn die soziale Infrastruktur in den Kiezen und Wohnquartieren soll schließlich erhalten und nicht zerstört werden.

  • Hierzu ein interessanter Artikel des Tagesspiegels: Ferienwohnung im Mietshaus – Das echte Berlin tobt nebenan (Link: www.tagesspiegel.de/berlin/ferienwohnung-im-mietshaus-das-echte-berlin-tobt-nebenan/7690858.html)
  • Auch interessant der Artikel im Berliner Kurier: Gesobau wird zum Teuer-Sanierer (Link: www.berliner-kurier.de/wohn-report/pankow-gesobau-wird-zum-teuer-sanierer-,21379468,22335680.html)
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  • Peter Scholz

    Guter Artikel! Kann nur von Jemandem stammen, der im Kiez wohnt und weiß, was rundherum geschieht. Als Neukölln-Bewohner sehe ich auch die krasse Veränderung im Bezirk. Der Bezirk wird hipp und die Mieten steigen. Jedoch wird sich die Stadt und wir als Einwohner daran gewöhnen müssen. Das Leben ist Veränderung… Grüße aus dem Böhmischen Viertel, Peter!

  • Martin Kleeberg

    Ein Wahnsinn, dass sich niemand auf politischer Ebene dieser Gesamtproblematik annimmt, wo der soziale Zusammenhalt – gerade hier in Berlin – doch so so wichtig ist. Berlin könnte eine Vorzeigestadt im Hinblick auf sozialverträgliche Mieten und Mieter-Strukturen sein. Jedoch wird bereits der Wille zur Tat zu oft von den Interessen der Immobilieninvestoren unterwandert. Es gibt auch echt gute Alternativen zum Investorenwahn, wie zum Beispiel:

    Genossenschaftliches Wohnen: Wohnungsgenossenschaften stellen ihren Mitgliedern dauerhaft gute und
    bezahlbare Wohnungen zur Verfügung
    Eigentum: Die Banken werben mit historisch niedrigen Zinssätzen, um
    mehr Mieter für Eigentum zu begeistern
    Mehrgenerationenhäuser: Bestes Beispiel dafür ist das Mehrgenerationenhaus „GenerationenKult“ (generationenkult.de/haus/) in der Essener Innenstadt
    Alternative gemeinschaftliche Wohnkonzepte: Gutes Beispiel ist das Schloss Tempelhof (schloss-tempelhof.de/)

    Man muss nur wollen…

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