Der Rockstar an der Kirchenorgel – Cameron Carpenter

Seine Orgel kostet 1 Million Euro - Cameron Carpenter.
Cameron Carpenter hält sich nicht an vorgeschriebene Tempi und Dynamiken – er treibt die Stücke ins Extrem und denkt sie völlig neu. ©Janis Kiki

Cameron Carpenter ist ein Virtuose der Kirchenorgel. Der US-Amerikaner lebt in Berlin Weißensee und Los Angeles und reist umher zwischen Klassik, Moderne und Popmusik.

Wenn Cameron Carpenter die Kultur der Hauptstädte der Welt bereist, braucht er für seine rund 1 Million Euro teure Orgel ganze drei Trucks. Egal, ob er in großen Konzerthäusern oder einer Einkaufspassage spielt. Der Virtuose an der Kirchenorgel hat nur von einer Location die Nase voll: der Kirche.

Und trotzdem schafft er mit seinen 32 Lautsprechern, zwölf spanischen Trompeten und sechs Subwoofer eine wohlig warme Stimmung. Er sieht ein wenig aus wie eine Mischung aus Freddie Mercury und David Bowie und spielt so rasant und virtuos, dass einem wirklich der Atem wegbleibt. Er arrangiert alles, was ihm in die Quere kommt, denn für die Art des Instruments und der Musik, die er mag, gibt es nicht so viele Orgel Stücke. Pop-Songs von Kate Bush sind da ebenso zu hören wie die komplette 5. Symphonie von Gustav Mahler oder List’s Mephisto Walzer.

Er ist ein Workaholic, der ganz und gar in seiner Materie aufgeht – ein Mann, der die verstaubte Kirchenorgel wachgeküßt hat. Mit seiner Interpretation der Musikwelt stellt er die traditionellen Techniken gänzlich auf den Kopf. Er spielt die aberwitzigsten Läufe mit den Füßen: „Ich habe schon als kleines Kind mit dem Tanzen angefangen. Zur gleichen Zeit, wie mit dem Orgel spielen, so mit 5 Jahren etwa. Es war schon immer ganz natürlich für mich, meine Füße auf diese aggressive Art und Weise einzusetzen. Das geht genauso wie Step tanzen – erst steppen, dann fallen lassen.“, so Cameron begeisternd.

Über 100 schwierige Werke hat der 33-jährige schon für die Orgel bearbeitet. Er wächst als Sohn eines Ofenbauers in Pennsylvania auf, sieht nie eine Grundschule von innen und wird Zuhause unterrichtet. Schon als Teenager hat er eigene Stücke komponiert: „Meine Eltern gaben mir eine Orgel aus den 30er Jahren – eine Hammond B3. Sie stellten sie in den Laden meines Vaters, wo Öfen hergestellt wurden. Ich übte also Buxtehude und Bach auf dieser Jazz-Orgel, inmitten von Männern, die Metall schlugen und sägten. Diese Atmosphäre war sehr inspirierend für mich und es war ein sehr viel besserer Übungsort als eine Kirche, wo auf so vielen Ebenen garnichts passierte.“, erzählt Cameron weiter.

Mit 13 debütiert er in Europa, studiert dann 5 Jahre an der Juilliard School in New York. Bei ihm wird die Orgel zum Musik-Kraftwerk, zum stampfenden Riesen. 1 Stunde Work-Out, Yoga und Pilates – täglich. Vor jeder Probe, vor jedem Auftritt zudem noch 3 Dutzend Liegestütze. Nicht jede Orgel überlebt die Begegnung mit Carpenter unbeschadet. Ein nagelneues 6,4 Million Dollar Instrument in Philadelphia spielte er in Grund und Boden. Konzertveranstalter lieben seine Exzentrik und fürchten seine Leidenschaft: „Plötzlich fällt eine Maus in die Pfeife und die Pfeife bricht in zwei Teile oder irgendetwas anderes passiert, weil es die Orgel einfach nicht gewöhnt ist, so intensiv behandelt zu werden. Eine Orgel ist doch wie ein Mensch. Wenn man nicht hart trainiert, und zwar täglich, und man Bewegung reinbringt – Atem, Leben, Blut – wird sie fett, alt, langsam und dumm.“, formuliert er knallhart.

Cameron Carpenter ist nicht zu bremsen und wurde bereits für einen Grammy nominiert. Er ist kämpferisch und umstritten. Seine Werk-Interpretationen provozieren konservative Kritiker – genauso wie seine Outfits, die er teilweise selbst entwirft. Früher eher der Glam-Rocker im Swarowski-Outfit, inzwischen legt er gar nicht mehr so viel Wert auf Schrilles. Gegenwärtig ist es ein fast schon distinguiert-moderat schwarzer Irokesenschnitt mit dem passend abgestimmten Outfit: „Jetzt muss ich mich nicht mehr auch durch Äußerlichkeiten definieren, jetzt kann ich schrankenlos mein ganzes Können vorführen.“

Er hält sich nicht an vorgeschriebene Tempi und Dynamiken – er treibt die Stücke ins Extrem und denkt sie völlig neu: „Wir haben zu lange die Gewalttätigkeit der Orgel ignoriert. Die Sexualität und die Sinnlichkeit, dieses alles verschlingende Feuer, die Überladenheit, die Banalitäten, die Seichtigkeit. Das wird plötzlich alles weggefegt mit einer ekstatischen Attacke.“

Cameron Carpenter hat das Orgelspiel revolutioniert.

„Ja, die Orgel ist natürlich die Königin der Instrumente.“, seufzt ein zufriedener Cameron Carpenter. „Aber für mich ist sie endlich keine Drama Queen mehr, und ich habe mit diesem noch namenlosen Instrument endlich das Optimum, auf das ich seit Jahren warte.“

Das sagt einer, der in der vergangenen Dekade das Orgelspiel nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa als Konzertereignis revolutioniert hat wie keiner zuvor. Jetzt wird Cameron Carpenter also seine magischen Klänge, seine irrwitzigen Fußläufe und wirbelnden Finger in Hallen und Klubs, Konzertsäle und Passagen bringen. Nur nicht mehr in Kirchen: „Die Orgel ist endgültig säkular geworden“, jubelt er programmatisch.

Und so reißt er sich im Promo-Video für die Debüt-CD der neuen Orgel zunächst das Hemd vom sehnigen Leib – bevor uns dann allen Hören und Sehen vergehen wird.

Cameron Carpenter: „If You Could Read My Mind“ (Sony). 24.05 in Potsdam, 15.06. in Berlin

Cameron Carpenter – Termine

  • Samstag, 24.05.2014 im Nikolaisaal in Potsdam, Wilhelm-Staab-Strasse 10-11, 14467 Potsdam
  • Sonntag, 15.06.2014 in der Berliner Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Str. 1, 10785 Berlin
  • Tickets unter 030 – 47 99 74 18

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Unsere Bewertung
Leserbewertung
[Total: 6 Average: 9.8]
  • Jens Eberhardt

    Cameron Carpeter durfte ich bereits live erleben. Der Mann würde für seine Orgel ins Gefängnis gehen und genau das bringt er auch mit der Inbrunst, mit der er sein Lieblingsinstrument spielt, zum Ausdruck. Er ist das Enfant Terrible der Organistenszene! Sollte man sich nicht entgehen lassen… ^^

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