Der goldene Westen und die ernüchternde Realität

Kinowerbung für den Premierenfilm "Westen"
Filmpremiere „Westen“ im Kino International. © hauptstadtkultur.de

Viele Aspekte der deutsch-deutschen Geschichte wurden in den letzten Jahren filmisch aufbereitet – viele, aber eben nicht alle. Genau so eine Lücke will der Film „Westen“ schließen.

Aktualisierung: Jördis Triebel hat am 10.05.2014 den Deutschen Filmpreis 2014 für die beste weibliche Hauptrolle erhalten. Herzlichen Glückwunsch!

Da geht’s um das erlebte Schicksal im damaligen Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde, welches meist die erste Station von Ausreise willigen DDR-Bürgern im Westen war. Der Film erzählt eindrucksvoll die Geschichte einer jungen Frau, die mit ihrem Kind aus der DDR flieht und einen schwierigen Neuanfang wagt. Gestern war Premiere – im Osten, im Kino International.

Fast alle Beteiligten des Films stammen aus dem Osten – das ist auch wirklich gut so, da man wirklich den Eindruck hat, die wissen da, von was sie sprechen und was sie spielen. Wie zum Beispiel Christian Schwochow und seine Mutter Heide Schwochow. Die beiden Hauptdarsteller Jördis Triebel und Alexander Scheer kommen ebenfalls aus dem Prenzlauer Berg bzw. Friedrichshain. Judith Franck hat den Roman „Lagerfeuer“ geschrieben, auf dem der Film basiert.

Die Handlung

Ausstellungsteil der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge passierten das 1953 gegründete Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde. Hier wurden sie mit Hilfe von deutschen und alliierten Dienststellen aufgenommen, betreut und in die Bundesländer weitergeleitet. Copyright: ENM Andreas Tauber

Ost-Berlin 1978. Für die junge, selbstbewusste Chemikerin Nelly Senf gibt es kein zurück mehr. Mit ihrem kleinen Sohn Alexej will sie über die Grenze und in West-Berlin ein neues Leben anfangen – in der Freiheit. Doch die Ankunft im vermeintlich ‚Goldenen Westen‘ erweist sich für Nelly schwieriger als erwartet. Sie landet in der harten Realität im Notaufnahmelager Marienfelde und im deutschen Behörden-Dschungel. Warten, Formulare, Stempel, immerhin gibt es ein paar Gummibärchen. 140 Mark Begrüßungsgeld, Essensmarken für eine Woche, ein Zimmer und eine Cola-Dose für den neunjährigen Alexej – eine Trophäe, Inbegriff des neuen Lebens. Ununterbrochen wird Nelly von den alliierten Geheimdiensten durchleuchtet – ein Verhör folgt auf das andere. Der Verdacht: Ihr angeblich bei einem Unfall ums Leben gekommene russische Lebensgefährte soll ein Doppelagent gewesen sein.

Der Hintergrund

Warten auf die Registrierung im Notaufnahmelager Marienfelde
Notaufnahmelager Berlin Marienfelde: DDR-Flüchtlinge warten auf ihre Registrierung. Tausende Ostdeutsche wollten damals nach Westdeutschland übersiedeln. Copyright: Bundesregierung – Schütz

Zwischen 1949 und 1990 verließen zirka 4 Millionen Menschen die DDR in Richtung Westen. Für viele von Ihnen, wie für Nelly, war das Notaufnahmelager Marienfelde die erste Anlaufstelle. Christian Schwochow’s Film „Westen“ erzählt in starken Bildern und mit grandiosen Schauspielern von diesem wenig bekannten Stück deutsch-deutscher Geschichte und davon, was es heißt, in Deutschland ein Flüchtling zu sein.

Der Film

Premierenfeier im Kino International zum Film "Westen"
Ein Film über den „Westen“ feiert im „Osten“ Premiere – Premierenfeier im Kino International. © hauptstadtkultur.de

Christian Schwochow („Der Turm“, „Novemberkind“) ist seinen Figuren ganz nah. Buchstäblich: Die Kamera rückt ihnen richtig auf die Pelle, fast unangenehm, eine Schulterkamera, die sich nicht in übertriebenem Gezittere gefällt, sondern gezielt in die Intimzone der Hauptfigur Nelly eindringt: Genauso, wie die Grenzbeamtinnen sie belästigen, demütigen: Ausziehen. Alles. Uhr ablegen. Kette ablegen. Ehering ablegen – keine Sorge, wir haben Seife zum Abstreifen. Nackt durch die engen, kalten Gänge der Grenzstation – bis Nelly doch wieder raus darf. Zum Auto – mit West-Berliner Kennzeichen. Das Auto, in dem sie rübergeschleust wird, sie und ihr Sohn Alexej. Um neu anzufangen im freien Westen, im Jahre 1978. Es ist eine Geschichte vom Misstrauen gegen den Osten, von der unbedingten Abgrenzung – eine Geschichte von den Menschen, die aus dem Osten kommen und im Westen verloren sind, zumindest in diesem engen Lager.

Das Resumé

Vieles von dem, was im Film „Westen“ zu sehen, erscheint einem unbekannt und neu. Christian Schwochow selbst ist 1989, also im Jahr des Mauerfalls, ausgereist – hat aber selbst nie Bekanntschaft gemacht mit dem Notaufnahmelager in Marienfelde. Diese Welt war ihm selbst unbekannt, wie er sagt: „Als ich den Roman von Julia gelesen habe, „Lagerfeuer“, dachte ich: Diese Welt, darüber habe ich so noch nie etwas gehört. Klar gings bei unserer Ausreise auch immer darum, ob wir in eins dieser Lager gehen sollen aber der Begriff ‚Lager‘ war nicht mit Bildern gefüllt. Als ich den Roman laß, bekam das Wort irgendwie ganz neue Dimensionen. Ich bin recht froh, dass wir ‚anders‘ ausgereist sind, ohne in eines dieser Lager zu müssen.“ Jördis Triebel war selbst 12, als die Mauer fiel. Sie wuchs im Prenzlauer Berg auf und erzählt, wieviel sie von ihrer Kindheit in dem Film wiedergefunden hat: „Vielleicht dieses Gefühl, dieses Bild vom Westen – dieses Glamouröse. Für mich war der Westen immer der Inbegriff von Erdbeerkaugummis und Glitzerwelt. Und dann kam die Ernüchterung…“

Julia Franck, die den Roman geschrieben hat, hat vieles von dem erlebt und hat sogar eine kleine Rolle in dem Film. Sie verriet gestern bei der Premiere, wie sie den Film denn jetzt findet, nachdem er fertig ist: „Ich finde den Film sehr gelungen. Ich habe den Eindruck, dass der Film etwas sehr seltenes geschafft hat. Er ist ein ganz eigenständiges Werk und hat eine ganz eigene Resonanz. Das ist schon eine Kunst, wenn wir nicht einfach nur innere Bilder illustriert sehen und dann enttäuscht sind, dass man sich das ganz anders vorgestellt hat. Nein, ich finde, dass Christian und Heide zusammen mit dieser wunderbaren Jördis Triebel wirklich eine ganz herausragende Leistung vollbracht haben – einen ganz eigenen Blick, eine ganz eigene Perspektive auf diesen Roman zu werfen.“

Autor: Orlando Mittmann

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