Vor dem Volksentscheid in Berlin: SPD und CDU wollen Freifläche am Tempelhofer Feld erhalten.

Das Tempelhofer Feld soll frei bleiben: 230 Hektar grün.

Kurz vor den Verhandlungen über einen fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf zum Tempelhofer Feld hat die Berliner Linke-Fraktion die rot-schwarze Koalition zur Kompromissbereitschaft aufgerufen. Am gestrigen Nachmittag trafen sich alle Fraktionen zu ersten Gesprächen.

Blick auf das Flugfeld des Flughafen Berlin Tempelhof
Berlin droht zum Durchlauferhitzer für Finanz- und Immobilieninteressen zu verkommen – Foto: Timor Kodal (photo.kodal.de)

Am 25. Mai findet bekanntlich der Volksentscheid über die geplante Bebauung des Tempelhofer Feldes statt, nachdem die Unterschriftensammlung für das Volksbegehren zur Zukunft des Tempelhofer Feldes mit 185.328 gültigen Stimmen erfolgreich war. Der Weg ist frei – jetzt entscheiden die Berliner selbst über die Zukunft des Geländes, das so groß ist wie 500 Fußballfelder oder fast so groß, wie der New Yorker Central Park. Strikte Gegner sind die Anhänger der Bürgerinitiative „100% Tempelhofer Feld“. Die Koalition will nur „am Rand“ Wohnungen bauen lassen und eine protzige Landesbibliothek errichten lassen. Rot-Schwarz würde hierbei auch gerne die Opposition mit ins Boot nehmen wollen, was ein Novum wäre. Nun startet die Senatsmission „Gemeinsam statt einsam“. Die rot-schwarze Berliner Koalition möchte beim Tempelhofer Feld einen breiten Konsens. Nächste Woche soll ein Gesetzentwurf stehen, der als Gegenposition des gesamten Parlaments zu dem von den Volksentscheid-Initiatoren angestrebten Verzicht auf jegliche Bebauung des insgesamt 380 Hektar großen Areals dienen kann.

Spurensuche: Archäologische Grabungen haben begonnen.

Bisher wird auf dem Tempelhofer Feld mit schwerem Gerät nach alten Spuren der Geschichte gesucht – die archäologischen Grabungen haben begonnen. Das ist auch das einzige, was die Initiatoren des Volkentscheides akzeptieren. Bauarbeiten für neue Wohnungen an den Rändern des Tempelhofer Feldes lehnen sie kategorisch ab. Doch das wollen fast alle Parteien des Abgeordnetenhauses und rangen hinter verschlossenen Türen um einen gemeinsamen Text. Dieser soll dem Gesetz der Bürgerinitiative entgegengestellt werden. Niemand aus den reihen der Fraktionen ist grundsätzlich gegen eine Rand-Bebauung des Tempelhofer Feldes. Jedoch drängt die Opposition darauf, den Gesetzestext der Koalition zu verändern. Auf Seiten der Grünen und Linken erwartet man aber, die ursprünglich einmal für das „Columbiaquartier“ (Nordseite des Tempelhofer Feldes) geplanten Grundstücke der zentralen Grünfläche zuzuschlagen. Also neue Harmonien zwischen Koalition und Opposition? Vielleicht ja, vielleicht nein – denn man kennt ja die politischen Spielchen und Schachzüge, wenn es um knallharte wirtschaftliche Interessen geht. Eine schnelle Einigung gab es bisher noch nicht, aber erstaunlich hoffnungsvolle Erwartungen.

„Wir sind alle zu dem Schluss gekommen, dass ein alternativer Gesetzesentwurf der richtige Weg wäre.“, so Antje Kapek, Fraktionsvorsitzende bei B90/Grüne. Iris Spranger, baupolitische Sprecherin der SPD hierzu: „Wir haben großes Interesse daran, gemeinsam einen Gesetzestext beziehungsweise dann auch eine Stellungnahme im Berliner Abgeordnetenhaus zum Tempelhofer Feld abzugeben.“

Der imposante Bau des Flughafenterminals in Berlin-Tempelhof
Blick auf den mittlerweile denkmalgeschützten Terminalbereich des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof – Foto: Timor Kodal (photo.kodal.de)

Bisher liegt nur ein Gesetzestext von SPD und CDU vor. Dieser legt fest, dass eine Freifläche von 230 Hektar geschützt wird und nur an den Rändern gebaut werden darf. Wieviel und wo bleibt dabei recht wage. Die Linken wollen zwar auch bauen, aber nur 100% sozialer Wohnungsbau, zeigen sich aber kompromissbereit: „Wir sind mit 100% eingestiegen, da kann man sich nicht steigern. Aber wir müssen gucken, inwieweit wir bereit sind, anderen entgegenzukommen.“ , so Katrin Lompscher, Stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linken. Stefan Evers, Stadtentwicklungspolitischer Sprecher der CDU: „Es ist klar, dass es Differenzen über die Entwicklung des Tempelhofer Feldes gibt. Über die tauschen wir uns aus aber mit dem Ziel, am Ende zu einer vielleicht minimalkonsensartigen Form darüber zu kommen, dass der Weg des Volksentscheids der falsche ist.“

Die Piraten sind weiterhin skeptisch und vollen die Berliner über eine Bebauung des Tempelhofer Feldes entscheiden lassen und sich selbst nicht festlegen. Philipp Magalski von den Piraten in einem kurzen Statement hierzu: „Wir können der Koalition dann folgen, wenn wir tatsächlich in den aktuellen Gesprächen Elemente mitreinkriegen, die wir auch tatsächlich wollen. Am morgigen Donnerstag will sich die Gesprächsgruppe erneut treffen, denn die Zeit drängt. Das Abgeordnetenhaus muss den Gesetzestext am 20.März 2014 verabschieden, damit er mit den Abstimmungsunterlagen verschickt werden kann. Die Berliner werden dann gemeinsam mit der Europawahl am 25.Mai 2014 an die Urnen gerufen.

Die Meinung der Berliner Bürgerinnen und Bürger ist gefragt.

Bevor es also Ende Mai zur Abstimmung kommen könnte oder vielmehr wird, sollte sich jeder Berliner eine Meinung zu dieser heiklen Thematik gebildet haben. Ein Volksentscheid ist die direkteste Art und Weise für Bürger, gestalterischen Einfluss auf die Stadtentwicklung nehmen zu können. Schauen wir auf das Pro und Contra der ganzen Problematik:

Pro Argumente für das Tempelhofer Feld.

Skater im Sonnenuntergang auf dem Flughafen Berlin Tempelhof
So schön kann es sein – skaten im Sonnenuntergang auf dem Tempelhofer Flughafengelände – Foto: Timor Kodal (photo.kodal.de)

Das Tempelhofer Feld mit seiner Weite ist einzigartig für eine europäische Metropole. Neue Quartiere am Rand? Das braucht es nicht! Es gibt doch Platz für 200.000 neue Wohnungen sogar innerhalb des S-Bahn Ringes. Prestigebauten wie die neue Landesbibliothek sollte sich Berlin mit seinen über 62 Milliarden Euro Schulden eh nicht leisten. Und die geplanten Gewerbeflächen? Die können doch an den Stadtrand. Wer will schon den Verkehr und den Lärm produzierenden Gewerbes in seiner Nachbarschaft haben? Für das Stadtklima ist das Wiesenmeer in seiner jetzigen Größe und Beschaffenheit zudem wichtig, da sich hier die Kaltluft bildet, die wir angesichts des Klimawandels so dringend brauchen. Außerdem brüten am Rande des Geländes bedrohte Vogelarten. Die Fläche ist noch immer als Flugfeld erkennbar. Ein Magnet für Berliner und Touristen und ein touristisches Denkmal von überregionaler Bedeutung – erste Luftfahrtversuche, das ehemalige KZ Columbiahaus und die Luftbrücke nach Berlin stehen für diese ganz besondere Freifläche.

Contra Argumente für das Tempelhofer Feld.

Blick auf die Startbahn des Flughafen Berlin Tempelhof
Gerade der Charme des vergangenen Betriebs auf dem Flughafen zieht Berlinerinnen und Berliner an – Foto: Timor Kodal (photo.kodal.de)

Berlin braucht günstigen Wohnraum für seine Bewohner und für immer mehr Menschen, die nach Berlin ziehen. Entspannung auf dem Wohnungsmarkt hilft allen. Auf einem Teil des Tempelhofer Feldes kann der Bedarf gedeckt werden, denn 4.700 Wohnungen sollen am Rand entstehen. Das Gelände gehört Berlin, die städtischen Wohnungsbaugesellschaften können also günstig bauen – die Miete: 6-8 Euro pro Quadratmeter für die Hälfte der Wohnungen, dazu Kitas und Schulen, die auch den angrenzenden Neuköllner Familien helfen. Zudem verhindert die innerstädtische Lage, dass noch mehr Pendler für noch mehr Stadtverkehr sorgen. Die Gewerbebereiche im südlichen Teil des Tempelhofer Feldes bringen bis zu 7.000 nue Jobs – gut nicht nur für Neukölln mit seinen vielen Arbeitssuchenden. Das historische Areal, von dem ohnehin Teile unter Denkmalschutz stehen, sollen maßvoll bebaut werden. Was bleibt, ist ein riesiger Park von 230 Hektar Fläche – größer als der Tiergarten, größer als ganz Monaco.

Breites Bündnis stellt sich der Bürgerinitiative entgegen.

Neuer und zusätzlicher Druck entsteht durch ein breites Bündnis, zu dem sich Handelskammer, Gewerkschaften, Wohnungswirtschaft und andere Verbände gegen die Pläne von „100 Prozent Tempelhofer Feld“ zusammengeschlossen haben. Sie alle haben ein hohes Interesse daran, das gesamte Parlament zu unterstützen – nicht nur die Vorstellungen und Interessen einzelner. Der Landessportbund verkündete bereits schon einmal sein deutliches ‚Nein‘ zu einem Verzicht auf die Randbebauung.

Luftbild Tempelhofer Feld

Luftbild Teilausschnitt: Das Tempelhofer Feld von oben
Tempelhof von oben: Hochauflösende Luftbild Aufnahme vom Tempelhofer Feld. Quelle: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz

Luftbild Tempelhofer Feld (1280x1196px). Deutlich zu sehen sind die gekreuzten Runways, die signalisieren, dass der Flughafen Tempelhof nicht mehr in Betrieb ist. Der ehemalige Flughafen und das große Flugfeld im Herzen von Berlin sollen bebaut werden. Originaldatei (1GB) steht auf Anfrage als Download zur Verfügung.

Autor: Orlando Mittmann

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  • tasmaniac

    • Der Landessportbund? Was genau hat der von einer Randbebauung? Der will sich beim Senat Liebkind machen, oder wie? Verdammt, wieviel Sport wird hier OHNE Bebbauung betrieben? Nur eben kein ordentlicher Vereinssport … und am Werner-Seelenbinder-Park werden Tennisplätze geplant? Na super!

    • Die Argumentation des Senats ist unlauter. Es klingt notwendig und sinnvoll, aber hält keiner Überprüfung stand. ALLE Parteien machen sich gerade unglaubwürdig. Selbst die Piraten, die „das Volk“ entscheiden lassen wollen, dem aber durch massive Desinformation keine echte Möglichkeit gegeben wird, sich eine eigene Meinung bilden zu können.

    • Der Senat hat sich vermutlich ggü. der Immobilienwirtschaft um Kopf und Kragen „committet“. Da sind aller Wahrscheinlichkeit nach bereits Deals abgeschlossen, die im Falle eines Nichtzustandekommens richtig teuer werden.

  • Eva Michelberger

    Die Bilder vom Tempelhofer Feld sind wirklich toll. Fragt sich nur, wie lange wir das noch so genießen können, bevor Senat und Investoren aus ihren Käfigen gelassen werden und die Berliner wieder mit der üblichen Klotz-Bauweise beglücken.

  • Pingback: Mieten in Berlin – Teil 2: Der Wohnflächenverbrauch - Mietkautions Blog - Kautionsfrei Blog()

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