Lissabon: Putz rieselt von den Wänden, Dächer stürzen ein

Passend zum WM Spiel Deutschland-Portugal ein kleiner Reisebericht über Lissabon von unserer Hauptstadtkultur-Redakteurin Julia Keesen.

Terreiro do Paco - Blick auf die Altstadt von Lissabon
Lissabon: Portugals Hauptstadt ist eine kaputte Schönheit an der Atlantikküste. Terreiro do Paco sagen die Einheimischen zum Praça do Comércio, dem „Schlossplatz“ Lissabons. ©Timor Kodal

Von der Ferne aus betrachtet, im stimmungsvollen Abendlicht, zeigt sich die Altstadt von Lissabon in ihrer vollen Schönheit – wie zu ihrer Gründungszeit vor mehr als 1000 Jahren. Schaut man sich die Fassaden dann aus der Nähe an, ist der Verfall schon überall zu sehen. Die einstige traditionell weißgehaltene Stadt am Tejo weist neben den bunten restaurierten Fassaden kaputte Häuser mit eingebrochenen Fenstern und zerstörten Dächern auf.

Graça: Die portugiesische Gemeinde im 1. Bairro der Hauptstadt Lissabon.

Umgeben von Bäumen trinken Bewohner Wein oder Kaffee an den Tischchen eines Getränkeausschanks am Aussichtspunkt Graça. Von diesem wohl schönsten der Miradouros blicken die Besucher auf die Burg, auf die Hängebrücke Ponte 25 de Abril und auf die alten Viertel Lissabons mit ihren verwitterten Häusern. Sogar in unmittelbarer Nähe des Castelo Jorge, wo sich Touristenhorden auf dem Aussichtspunkt tummeln und das portugiesische Nationalgericht Bacalhau kosten – Kabeljau, der in unzähligen Varianten zubereitet wird – verfallen einzigartige historische Denkmäler des ehemaligen Seefahrervolks.

Alfama: zwischen dem Castelo de São Jorge und dem Tejoufer.

Die verfallenden Häuser der Altstadt Lissabons
Romantisch und doch etwas traurig anzusehen – die Altstadt von Lissabon. ©Timor Kodal

Unterhalb des Castelos liegt der Stadtbezirk Alfama – das alte Fadodorf – bekannt für seine schwermütige Folklore. Passend zur Abendstimmung erklingen dort melancholische Gesänge aus den kleinen Bars. In diesen vereint sich das kulturelle Leben der Altstadtbewohner durch gute Küche und Musik. Mit Stolz präsentiert man in diesem Viertel auch weitere Kunst: Traditionelle Tänze Portugals, die jeder verirrte Straßenbummler miterleben darf, wenn er sich dann traut seine Nasenspitze durch den Türspalt der Gemäuer des Casa do Concelho de Arcos de Valdevez in der Straße Augusto Rosa zu schieben. Freudig laden dann sofort die älteren Herren des Hauses ein, den schnellen Paartänzen beizuwohnen. Statt des Weltschmerzes der Lissaboner verspürt der Besucher hier zur Abwechslung ein wenig Leichtigkeit. Als wenn die portugiesische Saudade die Vergänglichkeit der einstigen Schönheit unterstreichen möchte, bröckelt leider auch hier leise der Putz.

Häuserruinen in der Altstadt von Lissabon
Lissabons Altstadtviertel ist ein glatter Sanierungsfall. Kaum ein Haus ist vom Verfall verschont. ©Timor Kodal

Lissabons Altstadt ist für die Portugiesen ein unbezahlbares Erbe. Fast ein Drittel der Häuser stammt aus der Zeit vor 1919. Im April 2011 hatte Portugal die EU um finanzielle Hilfe bitten müssen – um den Preis harter Spar- und Reformauflagen. Da bleibt kein Geld für kostspielige Restaurationen mehr. So werden selbst Gebäude dem Verfall überlassen, die andernorts als Stadtpalais herausgeputzt würden – so auch diejenigen Prachtexemplare gleich um die Ecke des Praça do Comércio und in den Gassen des von Touristen viel besuchten Stadtviertels Bairro Alto.

Lissabons Touristenattraktion: Die alte Strassenbahn Nummer 28 auf ihrer Fahrt durch die Altstadt
Die Linie 28 der Straßenbahn Lissabon, portugiesisch: Carreira 28E dos Eléctricos de Lisboa, ist eine von fünf Linien der Straßenbahn Lissabon. Sie verbindet die unterschiedlich geprägten Teile Alfama, Baixa und Lapa der Lissaboner Innenstadt mit dem Stadtteil Prazeres. ©Timor Kodal

Eine Fahrt in der berühmten Straßenbahn Nummer 28 durch die Viertel Alfama und Baixa bis nach Prazeres lohnt sich. Durch schmalste Gassen, hügelauf und -ab rattert die Tram vorbei an Sehenswürdigkeiten und einigen baufälligen Häusern mit bunten Kachelfassaden. Ein Grund für den schlechten Zustand der Häuser im Altbaudistrikt sind wohl die zu hohen Quadratmeterpreise. Seit einigen Jahren ist Lissabon keineswegs eine günstige Mietstadt mehr. Laut der ZEIT sollen in Lissabons Zentrum 30.000 Wohnungen leer stehen, was zu einem hohen Verkehrsaufkommen geführt hat, das wiederum durch die vielen Pendler bedingt ist, die außerhalb der Hauptstadt zu günstigeren Konditionen leben. Der zweite Grund ist laut des Journalisten Johannes Beck das 1947 verhängte Mietpreis-Stopp-Gesetz des Diktators Salazar. 40 Jahre lang durften die Mietpreise nicht erhöht werden. Bis 2006 ließen zahlreiche Hauseigentümer ihre Altstadtwohnungen verfallen. Für Haussanierungen gab es jahrelang kein Geld. Einige Vermieter ließen kaputte Häuser abreißen oder in Bürogebäude umwandeln.

Romantischer Sonnenuntergang an der Atlantikküste Lissabons.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Die Atlantikküste vor den Toren Lissabons. ©Timor Kodal

So wie einst Berlin unbeachtet blieb und nach der Öffnung zum Westen dringend Sanierungskapital benötigte, – nun leider fast durch Investoren erstickt wird – wünscht man sich hierzulande schnelles Geld für eine rettende Schönheitsbehandlung der malerischen Altstadt am Tejo.

Ein Nettipp sei hier genannt: GoLisbon

Autorin: Julia Keesen

Unsere Bewertung
Leserbewertung
[Total: 11 Average: 9.8]
  • Chris Sommer

    Hehe! Der Beitrag sollte wohl besser heißen:

    Lissabon: Portugals Hauptstadt – Putz rieselt von den Wänden, Dächer stürzen ein und Portugal verliert 4:0 gegen Deutschland.

    • Ja, Chris – was für ein Spiel. Da passt der Titel des Beitrags wirklich wie die Faust aufs Auge. Wer konnte das ahnen. 🙂

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