Tschernobyl – Bildband von Gerd Ludwig: Der lange Schatten von Tschernobyl.

Tschernobyl: Bilder gegen das Vergessen - Titelbild ©Gerd Ludwig/Institute - hauptstadtkultur.de
Tschernobyl: Bilder gegen das Vergessen – Titelbild – Minsk, Weißrussland, 2005. Zwei Opfer von Schilddrüsenkrebs in einer Klinik. ©Gerd Ludwig/Institute

In einer gewaltigen Kraftanstrengung arbeitet die internationale Weltgemeinschaft daran, die Spuren einer ihrer schlimmsten Fehlleistungen zu begraben – die Trümmer des Atomreaktors von Tschernobyl. Die Strahlung ist dort so stark, dass sie den Beton und die Stahlträger zerfrisst. Abriss ist unmöglich, deshalb wird ein riesiger Sarkophag darüber gezogen. So groß, dass die Kathedrale von Notre Dame darunter Platz hätte und dann soll die Ruine in Vergessenheit geraten.

Ein großer, deutscher Fotograf verhindert, dass das mit dem Schicksal der Betroffenen auch passiert. Gerd Ludwig hat Tschernobyl zu seiner Aufgabe gemacht. Er ist unter Lebensgefahr Zigmal in der Ruine des Atomreaktors gewesen und hat dort knapp eine Viertel Million Bilder geschossen. Eine Auswahl erscheint nun als Buch und in einer Ausstellung in Wien.

Tschernobyl: Der Gau, der die Welt veränderte.

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Der Kontrollraum von Reaktor #4 in dem der folgenschwere Fehler passierte. ©Gerd Ludwig/Institute

Menscheitsprägend, unvergessen – Tschernobyl. Am 26.April 1986 explodiert Reaktor 4 – Strahlung, Krankheit und Tod sind die Folgen. Der Glaube an Fortschritt und Technologie wird erschüttert. Ein Experiment läuft völlig aus dem Ruder und das Sowjetsystem versucht, die Katastrophe zu vertuschen. Doch am Ende dringt die Wahrheit ans Licht. Gerd Ludwig ist Fotograf – immer wieder ist er nach Tschernobyl gereist. Anlegen der Schutzkleidung, dann der Abstieg in das Höllending – in das Innere des zerstörten Reaktors. Ganze 15 Minuten Zeit, um Bilder zu machen – die totale Anspannung.

Immense Strahlengefahr und Gesundheitsbelastung – warum macht ein Fotograf das?

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Prypjat, Ukraine, 2011. Ein Straßenschild unweit von Prypjat warnt vor der Gefahr radioaktiver Verstrahlung. ©Gerd Ludwig/Institute

„Als Fotografen versuchen wir, engagierte Fotos zu machen und wir denken dann im Nachhinein erst an uns selbst.“, so Gerd Ludwig. Er bereist die menschenleere Atomarbeitersiedlung Prypjat (ukrainisch Прип’ять, russisch Припять), die 1970 im Zusammenhang mit dem Bau des Kernkraftwerks Tschernobyl gegründet und infolge des Reaktorunglücks geräumt wurde. Zum Zeitpunkt der Katastrophe wohnten hier etwa 49.360 Menschen, darunter ca. 15.500 Kinder.

Er macht Bilder, die eindrucksvoll die Zerstörung bezeugen, den eiligen Aufbruch nach der Katastrophe. Wie sich die Natur die Orte des Geschehens zurückerobert, an denen vorher Familien lebten. Es sind Fotos, die unter die Haut gehen. „Meine Freude, mein Leid muss sichtbar sein. Dokumentarfotografie ist nie kalt. Ein großartiges Bild berührt die Seele und erweitert den Geist.“, führt Gerd Ludwig aus.

Die Menschen, die in Tschernobyl geblieben sind.

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Schuber Arbeiter im Reaktor #4 bei Stabilisierungsarbeiten. Trotz Schutzanzügen können diese nur in 15-Minuten-Schichten das Areal betreten. ©Gerd Ludwig/Institute

Ludwig portraitiert die Heimkehrer nach Tschernobyl, deren ihre Heimat wichtiger ist, als die Strahlenbelastung und die Liquidatoren – die Helden, die nach der Katastrophe aufräumen mussten. Der Unfall in Fukushima passiert, als er den krebskranken Viktor trifft: „Haben sich da nicht ähnliche Mechanismen wiederholt? Nämlich nur das zuzugeben, was offensichtlich wurde? Dieses scheibchenweise, die Wahrheit publik zu machen?“, so Ludwig.
Nach Fukushima zieht es Gerd Ludwig nicht. Er bleibt lieber bei der Langzeitbetrachtung. Sein soeben veröffentlichter Bildband „Der lange Schatten von Tschernobyl“ ist beeindruckend. Gerd Ludwig bringt Zeit und Feingefühl mit, er hat keine Berührungsängste, als er Behinderte fotografiert.

„Ich will den Menschen ein Denkmal setzen – für die Opfer aber auch für uns. Es ist ein Kampf gegen das Vergessen.“, resumiert Gerd Ludwig. Kraftvolle, erschütternde Bilder sind entstanden, die im Gedächtnis haften bleiben. Die Opfer indes bewahren in all dem Leid ihre Würde.

Informationen zum Buch „Der lange Schatten von Tschernobyl“.

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Prypjat, Ukraine, 2005. Bäume wachsen in einer seit zwei Jahrzehnten leer stehenden Schule. ©Gerd Ludwig/Institute

Der Atomunfall von Tschernobyl ist der größte der Weltgeschichte. Der Gau von Fukushima ereignete sich fast genau 25 Jahre später, am 11. März 2011. Die volle Tragweite dieser Katastrophen kommt mehr und mehr zum Vorschein. Anlässlich des traurigen 3.Jahrestages von Fukushima erinnert das Buch „Der lange Schatten von Tschernobyl“, mit welchen Konsequenzen wir 25 Jahre nach einer Atom-Katastrophe leben müssen. Es zeigt, wie ein Störfall Land, Leute und das Leben dort verändert und was dies für die Betroffenen bedeutet.

Der lange Schatten von Tschernobyl

Der National Geographic Fotograf Gerd Ludwig hat Tschernobyl in den letzten 20 Jahren insgesamt neun Mal besucht. Er war näher am Reaktor 4 als jede andere Fotograf. Er hat sich in den „Bauch“ des Unglücksreaktors gewagt, um die größte nukleare Katastrophe der Geschichte zu dokumentieren und für alle Zeit im Bild festzuhalten.

Während Tschernobyl langsam verschwindet, erinnert dieses Buch mit packenden und berührenden Fotografien an diesen Sündenfall der Menschheitsgeschichte. Der neue, zweite Sarkophag, wird dafür Sorge tragen, dass das bekannte Bild des von der Explosion zerstörten Reaktors unter einem 2,2 Milliarden Euro teuren Betonmantel verschwindet. „Mich treibt die Verpflichtung, im Namen von stummen Opfern zu handeln, um ihnen mit meinen Bildern eine Stimme zu geben. Bei meinem Aufenthalt in Tschernobyl habe ich viele verzweifelte Menschen getroffen, die bereit waren, ihr Leiden öffentlich zu machen – einzig beseelt von der Hoffnung, Tragödien wie jene in Tschernobyl zukünftig zu verhindern“, sagt Gerd Ludwig über sein fotografisches Vermächtnis. Michail Gorbatschow reflektiert in einem begleitenden Essay die Bedeutung der Ereignisse von Tschernobyl im Lichte der politischen Entwicklungen, die zum friedlichen Ende des „Kalten Krieges“ geführt haben.

  • GERD LUDWIG ist einer der renommiertesten Fotografen seiner Zeit. Er arbeitet seit 25 Jahren für National Geographic. Im Zentrum seines Interesses steht die Dokumentation der sozial-ökonomischen Veränderungen in den Ländern der ehemaligen Sowietunion nach dem Ende des „Kalten Krieges“. Ludwig hat zahlreiche Preise erhalten, unter anderem 2006 den Lucie Award als „International Photographer of the Year“.
  • MICHAIL GORBATSCHOW war der letzte Präsident der Sowietunion. Er beendete den Kalten Krieg und ermöglichte die Deutsche Wiedervereinigung. Gorbatschow erhielt dafür 1990 den Friedensnobelpreis. Zum Zeitpunkt des GAUs in Tschernobyl war Gorbatschow gerade 13 Monate im Amt.
THE LONG SHADOW OF CHERNOBYL // DER LANGE SCHATTEN VON TSCHERNOBYL // L´OMBRE DE TCHERNOBYL
  • Fotograf: Gerd Ludwig
  • Buchmaß: 29 x 31 cm
  • Umfang: 252 Seiten, 127 Fotos
  • Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch
  • Art: Hardcover im Schuber
  • ISBN 978-3-901753-66-4
  • Preis: EUR 75,-
  • VÖ: 11. Mai 2014
  • Ausstellung: 16.–20. September 2014 auf der Photokina Köln
  • Mehr über das Buch: Edition Lammerhuber
Unsere Bewertung
Leserbewertung
[Total: 10 Average: 9.4]
  • Volker Schmidt

    Gerd Ludwig hat hier wirklich in drastisch dokumentarischen Bildern eine visuelle Bilanz des Atomunglücks von Tschernobyl geschaffen. Viel zu leicht gerät die Geschichte in Vergessenheit – die Strahlung und seine Folgen jedoch werden die Menschen weiterhin verfolgen, krank machen und schließlich töten. Sehr beeindruckende Bilder und absolut sehenswert!

  • Übrigens ist eine aktuelle Ausstellung hierzu noch bis zum 01.09.2014 im Naturhistorisches Museum Wien zu sehen: Burgring 7, 1010 Wien, Tel. 01-52177-335, Öffnungszeiten Do-Sa 9-18.30 Uhr, Mi 9-21 Uhr, Di geschlossen

    Direktlink: http://www.nhm-wien.ac.at/ausstellung/sonderausstellungen/der_lange_schatten_von_tschernobyl_2

  • Carola Heuer-Schmidt

    Ganz große Klasse der Beitrag, denn das Thema Tschernobyl ist bei den Menschen gänzlich aus dem Fokus geraten. Bewundernswert, mit wie viel Mut Gerd Richter sich immer wieder an den Ort des Grauens wagt und den Menschen dort eine Stimme gibt – mit seinen beeindruckenden Fotos. Carola

    • Hallo Carola, vielen Dank für Dein Feedback. Das Thema Tschernobyl darf nicht in Vergessenheit geraten. Deshalb war es mir auch persönlich ein Anliegen, über diesen Bildband zu berichten.

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