„Tourists piss off“ – Berlin und seine Gäste.

Der Aufkleber mit dem durchgestrichenen Herz: „Berlin does not love you!“.
Aufkleber an einem Straßenschild in Kreuzberg: Zu lesen ist die Aufschrift wohl als „Berlin does not love you“ oder „Berlin hates you“. Gemeint sind die internationalen Touristen, die in der Hauptstadt die Gemüter erhitzten. ©Sarah Winborn

Zu laut, zu nervig und überhaupt zu viele – Berliner sind oft genervt von Touristen. Dabei ist die Hauptstadt wirtschaftlich ganz besonders auf sie angewiesen. Die Regisseurin Nana A.T. Rebhan begleitet in ihrem Dokumentarfilm „Welcome Goodbye“ Rollkoffer-Kommandos und bierselige Männerhorden durch Berlin und sagt, dass Berlin dringend Tourismuskonzepte braucht.

No more Rollkoffer!

Es regt sich Wiederstand unter den Berlinern gegen die Massen von Touristen.
„No more Rollkoffer!“ ©alphaville

Die neue David-Bowie-Ausstellung und 25 Jahre Mauerfall im Herbst wirken wie Magnete. Berlin kann sich kaum retten vor seinen Besuchern und meldet einen Rekord nach dem anderen. Manchmal erinnert diese Beziehung der Berliner zu seinen Gästen an eine Zwangsehe als an eine Liebesheirat. „No more Rollkoffer“ steht an Hauswände gesprüht und Bürgerinitiativen wehren sich gegen Touristenströme. Keine andere Metropole in Europa benimmt sich so zwiespältig gegenüber ihren Gästen. Die Berliner Filmregisseurin Nana A.T. Rebhan hat sich die ganze Szenerie genauer angeschaut und schildert ihre Eindrücke vom Verhältnis zwischen den Ureinwohnern und dem Rollkoffer-Easy-Jet-Set.

Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet!

Viele Touristen suchen die ehemalige Berliner Mauer - wie hier am Checkpoint Charlie.
Massen von Menschen drängeln sich täglich am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie. Dieser Rummel hat nichts mit der Geschichte oder dem Gedenken an die Teilung Berlins zu tun. ©alphaville

2 Millionen Touristen am Osterwochende. Weltoffen und liberal – so sehen sich die Berliner gerne selbst. Aber das Geräusch von Rollkoffern schmerzt mehr und mehr in den Ohren der Berliner. Es regt sich Wiederstand gegen die ganzen Besucher. Nana Rebhan wohnt im Schillerkiez in Neukölln. Ihr Viertel ist zu einem der Hot-Spots vieler junger Touristen avanciert. Aber nicht alle hier heißen die Generation Easy-Jet-Set willkommen.

Es ist auffällig, dass es gerade bei mir im Kiez, in Neukölln, und auch hier am Schlesischen Tor diese Anti-Sprüche gibt, zum Beispiel:

  • No more Rollkoffer!
  • Du bist kein Berliner!
  • Touristen fisten!
  • Berlin does not love you!
  • Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet!
  • Refugees welcome. Tourists piss off.
Hilfsbereit und freundlich - so sind die Berliner.
Hilfe tut gut, wenn man sich nicht auskennt. Berliner sind hilfsbereit und schnell zur Stelle, wenn man nicht weiter weiß. ©alphaville

Diese Aussagen gibt es in keiner anderen Stadt so deutlich wie hier. „Ich habe mich gefragt: Warum mag Berlin keine Touristen?“, erzählt sie. Für ihren Dokumentarfilm „Welcome Goodbye“ wird die Berlinerin selbst zur Touristin und erforscht, was das angebliche Feindobjekt so treibt, wenn es unsere Stadt überfällt: „Ich habe Berlin quasi auf eine Art und Weise wieder neu erlebt, weil ich das eben so noch nie gemacht hatte und hab auch versucht, mich da auch hineinzuversetzen – wie das also ist, wenn man das erste Mal in diese Stadt kommt und was einen da erwartet.“

Glotzen statt klotzen.

Touristenmagnet East Side Gallery - die küssenden Honecker und Breschnew.
Honecker und Breschnew an der East Side Gallery: Das wohl meist fotografierte Stück Berlin. ©alphaville

Begeisterte Besucher von Taiwan bis Island, von Murmansk bis Seattle entern Berlin. Sie wollen alles kennenlernen, was sie für typisch Berlin halten – und sie lieben die Stadt. Aber Zuneigung beruht eben nicht immer auf Gegenseitigkeit. Im Film kommen eben auch die zu Wort, die sich von der Entdeckerlust der anderen überrannt fühlen. Sie erzählen Kurzgeschichten, wie sie im Sommer morgens im Hof sitzen, manchmal noch etwas verquollen von der letzten Nacht. Man hat sich gerade ein schönes Frühstück aufgebaut und die Zeitung geholt und auf einmal stehen dann eben 50 Stuttgarter Muttis im Hof und sagen: „Jo Neu, wos isch des hier? Hier wohne Leut‘? Jo, wos isch des denn für a Haus?“ Und man selbst möchte eigentlich nur seine Ruhe haben…

Glasglocke über Berlin und fertig.

Brandenburger Tor: Sehenswürdigkeit und Touristenfalle.
Touristennepp am Brandenburger Tor: Leider eine unerfreuliche Entwicklung und mehr Rummel als Stadtkultur. ©alphaville

Hilfe, die Touristen kommen! Auf diese Haltung ist Nana Rebhan sehr häufig gestoßen. Dahinter steckt in den meisten Fällen nicht mehr als ein diffuser Verteidigungsreflex, wie bei Kindern, die nichts von ihrer Schokoladentafel abgeben wollen. Kreativ werden die angeblichen Touristenhasser, wenn es darum geht, ihre Pfründe zu verteidigen: „Da gibt es einmal diese Idee, man könnte ja quasi eine Glasglocke über Kreuzberg stülpen. Das alles für immer so bleibt, wie damals und sich nichts verändert – wie ein Mikrokosmos, ein Biotop.“

Pech gehabt, liebe Kreuzberger, Neuköllner, Friedrichshainer, Weddinger und Mitte-Hipster – denn genau hier fallen junge Touristen besonders gerne ein. So wie in die Berliner Clubszene. Eine Lösung dieses Dilemmas kommt ausgerechnet von einem Touristen: „Ich empfehle den Berlinern, einfach die Vorhänge zuzuziehen und sich nicht mehr über die vielen Touristen zu ärgern.“ Also, Vorhänge zu und die Touristen machen lassen. Denn es werden sowieso immer mehr. Bereits im kommenden Jahr rechnet Berlin mit über 30 Millionen Touristen – und die lassen sich ihren Spaß nicht verderben.

Über den Film „Welcome Goodbye“

Der Dokumentarfilm WELCOME GOODBYE beschäftigt sich mit dem Phänomen des rasant wachsenden Tourismus in Berlin und dessen positiven wie negativen Folgen. Ob enthusiastische Taiwanesinnen, die ganz Europa in nur acht Tagen scannen, ein mexikanischer Filmemacher, der unbedingt einen Kurzfilm während seines kurzen Aufenthalts realisieren möchte, oder ein holländischer Schriftsteller, der einen Roman über Berlin schreibt: sie alle und noch ein paar mehr wollen ihr ganz eigenes Berlin entdecken. Sowohl die Touristen als auch die Zuschauer selbst werden von einem Berliner namens Christian durch den Film begleitet.

welcome goodbye trailer from nana on Vimeo.

Es entsteht ein Spannungsfeld aus den persönlichen Erlebnissen der Reisenden verschiedener Nationen und Kulturen und Interviewblöcken, in denen u.a. Politiker, Tourismusmanager, Metropolenforscher und Berliner Bürger zu Wort kommen. Gentrifizierungsphobien, Touristenfeindlichkeit, Existenzängste – WELCOME GOODBYE versucht die momentan vorherrschenden gesellschaftlichen Stimmungen einzufangen und zu dokumentieren und geht dabei der Frage nach: Wem gehört Berlin?

Unsere Bewertung
Leserbewertung
[Total: 7 Average: 9.1]
  • Jennie Rau

    Ich denke, dass nicht die Hetze gegen Touristen, sondern der Tourismus selbst ein Thema in der öffentlichen Diskussion sein sollte. Bei der momentanen, populären Kritik an den Touris stellt sich doch vor allem die Frage nach inhaltlicher Auseinandersetzung – jenseits der Provokation. Fremdenfeindliche, ressentimenthafte und stigmatisierende Tendenzen in der politischen Debatte zu kritisieren, ist richtig und wichtig. Aber die Diskussionen finden schon seit geraumer Zeit statt. Ergebnisse? Keine. Hier wird sich wohl auch nichts ändern, da der Berliner Senat alles daran setzt, die Stadt zur Geldmaschine zu machen. Rhabarber, Rhabarber, Rhabarber… ^^ JR

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